Väter, die ihr Rollenbild erweitert haben,
beteiligen sich heute stärker an der Kindererziehung als früher. Hier
dürfte auch das zunehmende Wissen um die Bedeutung des Vaters in der
frühen Kindheit eine Rolle spielen. Die vom traditionellen Familienbild
geprägte Wissenschaftstradition hat die Bedeutung des Vaters für die
Entwicklung des Kindes lange Zeit vernachlässigt (Steinhardt u.a. 2002,
Walter 2002). Junge Väter wollen heute eine viel intensivere Beziehung
zu ihren Kindern aufbauen und einen aktiven Part in der Erziehung
übernehmen als frühere Väter. Allerdings beschränken auch sie sich eher
auf die hedonistischen Tätigkeiten und meiden pflegerische Handlungen.
Freizeitaktivitäten
wie spielen, spazieren gehen, Sport betreiben werden vorwiegend von
Vätern ausgeübt. Den Frauen bleiben Versorgungstätigkeiten wie waschen,
Kinder ins Bett bringen, kranke Kinder pflegen, zum Kinderarzt gehen,
Elternsprechtage und Schulveranstaltungen besuchen und mit den Kindern
beten (Zulehner 2003).
Auswirkungen der traditionellen Arbeitsteilung
Die
traditionelle Arbeitsteilung in der Familie hat einen hohen Preis.
Viele Männer leben zu Hause wie Fremdlinge, sind gedanklich abwesend
und finden kaum Kontakt zu ihren Kindern. Sie müssen sich den Vorwurf
gefallen lassen, dass sie die Kinder zu wenig unterstützen, dass sie an
ihren Problemen nicht Anteil nehmen, ihre Geburtstage vergessen und
ihre Freunde nicht kennen. Gleichzeitig haben diese Väter ein
schlechtes Gewissen, wenn sie bemerken, dass sie zu wenig von den
Kindern mitbekommen und ihren Alltag nicht kennen. Oft haben sie das
Gefühl, die Entwicklung der Kinder zu verpassen. Viele Väter sind in
der Beziehung zu ihren Kindern verunsichert und wissen nicht, wie sie
den Kontakt mit ihren Kindern gestalten sollen. Zum konkreten Vatersein
gehört nicht nur, Normen zu setzen und zu fordern, sondern die Kinder
auch zu fördern, ihnen fürsorglich-nährend zu begegnen und ihnen
Orientierung zu vermitteln. Damit die Kinder ihr Potential entfalten
können, ist es wichtig, sie zu unterstützen, zu ermutigen, ihnen Schutz
und Fürsorge anzubieten, aber auch sich mit ihnen zu reiben, ihnen
Grenzen zu setzen und Orientierung zu geben. Viele Väter entziehen den
Kindern eine wichtige Entwicklungschance, indem sie sich aus
Schuldgefühlen heraus einseitig auf die fürsorgliche Rolle beschränken.
Meist
sind es nicht äußere Bedingungen und Anforderungen, sondern "innere
Antreiber", die dafür sorgen, dass der Mann es nicht schafft, den Raum
für sein Privatleben zu schützen. Wenn er keine Rücksicht auf sich
selbst und seine eigenen Bedürfnisse nimmt, nimmt er auch keine
Rücksicht mehr auf die Bedürfnisse der ihm nahe stehenden Menschen.
Qualität der Beziehung
Wie
kann sich der Mann seelisch auf die Welt der Kinder einlassen? Dabei
ist nicht die Menge der Zeit entscheidend, sondern wie sie genutzt
wird. Viele Männer fühlen sich in der Familie wohl und bezeichnen sich
als Familienmenschen, weil sie sich gern von der Familie umgeben
fühlen. Die Kinder allerdings nehmen den Vater oft gar nicht wahr. Es
kommt nicht wirklich zu einer Begegnung. Viele Männer sagen, sie
müssen, um abschalten zu können, sich zurückziehen und entspannen.
Andere
Männer hingegen regenerieren sich am besten, wenn sie sich zu Hause auf
das Spiel mit den Kindern einlassen. Daraus schöpfen sie neue Kraft und
können den beruflichen Alltag hinter sich lassen. Ein lebendiger
Kontakt zu den Kindern kann sogar zu einer Art "Energierecycling"
(Jellouschek 1996, S.119) führen.
Die qualitative Präsenz des
Mannes als Vater ist für Buben und Mädchen von unterschiedlicher
Bedeutung. Für die Tochter repräsentiert der Vater als erster Mann das
andere Geschlecht. Die Tochter erlebt sich attraktiv und liebenswert
und kann Selbstbewusstsein entwickeln, wenn sich ihr der Vater
liebevoll zuwendet.
Für den Sohn ist der Vater das erste
männliche Leitbild. Wenn der Vater abwesend ist oder es dem Vater nicht
gelingt, eine tragfähige Beziehung zum Sohn herzustellen, kann es sein,
dass die Beziehung zur Mutter zu eng wird und der Sohn später Probleme
hat, ein Leben als eigenständiger Mann zu führen. Männer, die
Muttersöhne waren, haben eine große Sehnsucht nach ihren Vätern und
wünschen sich, von ihnen berührt und anerkannt zu werden. Es gibt viele
Dinge, durch die gerade ein Mann das Herz eines Jungen erobern kann, zB
Spiel, Sport, Kräftemessen usw. Wichtig ist, dass die Söhne den Vater
spüren können, und der Vater den Bereich der Zärtlichkeit und des
Körperkontakts nicht allein der Mutter überlässt. Am Körper des Vaters
vergewissern sich Jungen auf eine liebevolle und kraftvolle Weise ihrer
eigenen männlichen Körperlichkeit. Auch junge Erwachsene, die keine
gute Beziehung zum Vater haben, haben oft noch eine tiefe Sehnsucht
nach Versöhnung mit dem Vater.
Vom "Arbeitsmann" zum ganzen Menschen
Die
Entwicklung von echter Väterlichkeit ist eine große Herausforderung und
ein spezifischer Reifungsschritt zum vollen Mann-Sein: vom
"Arbeitsmann" zum ganzen Menschen. Sie ist eine charakteristische
Entwicklungsaufgabe in der Lebensphase zwischen dem jungen
Erwachsenenalter und der Lebensmitte.
Die kindbezogene
Motivation, eine intensive Vater-Kind-Beziehung aufzubauen, scheint
gegenüber der partnerbezogenen Motivation einer gleichberechtigten
Aufteilung der elterlichen Versorgungsarbeit vorrangig zu sein. Auf die
Entscheidung zur Karenz dürfte auch das eigene Erleben eines
engagierten Vaters in der Kindheit entscheidenden Einfluss haben. Neben
dem Anspruch, eine partnerschaftliche Beziehung zu führen, beeinflussen
auch die Forderungen der Partnerinnen sowie die Unzufriedenheit im
Beruf die Entscheidung für eine Karenz (Gräfinger 2001). Durch das
erhöhte familiäre Engagement wird die Fixierung des Kindes auf die
Mutter abgeschwächt, und der Vater wird zur gleichwertigen Bezugsperson
für das Kind. Das dadurch entstehende Vertrauensverhältnis und die
Bindungsqualität zwischen Vater und Kind gehört für Väter zur
wertvollsten Erfahrung während der Karenzzeit.
Andererseits wird
die Haus- und Familienarbeit zum Teil anstrengender erlebt als die
Erwerbstätigkeit außer Haus. Der eingeschränkte Aktionsradius und die
dadurch entstehende soziale Isolation wird von den Männern als
einschneidende Veränderung erlebt. Durch das bessere Verständnis für
die Belastung durch Haus- und Familienarbeit kommt es vielfach zu einer
Aufwertung derselben durch die Männer. "Durch die Erwerbsunterbrechung
haben diese Männer erfahren, was es heißt, 24 Stunden am Tag für ein
Kind zu sorgen, den Haushalt zu führen, Einkäufe zu erledigen,
Arztbesuche zu organisieren, kurz die gesamte häusliche Koordination
einer Familie zu übernehmen" (Gräfinger 2001, S.133). Es entsteht auch
ein neues Verständnis für die Belastung berufstätiger Mütter, die sich
neben dem Beruf auch um Haushalt und Kinder kümmern müssen.
Insgesamt
kann gesagt werden, dass die aktive Vaterrolle im Sinne einer
engagierten Verantwortungsübernahme für Kinderbetreuung und -erziehung
in das Bild von Männlichkeit heute schon stärker integriert ist als die
Zuständigkeit für die als weiblich konnotierte Hausarbeit (vgl.
Peinelt-Jordan 1996, Gräfinger 2001). Eine Erwerbsunterbrechung
zugunsten der Familienbetreuung in Kauf zu nehmen und sich auch für
Haushaltsarbeit zuständig zu erklären, bleibt immer noch eine große
Herausforderung für Männer. Hier ist noch viel Arbeit zur Überwindung
der geschlechtsspezifischen Stereotype zu leisten.
Mit freundlicher Genehmigung der Männerberatung des Landes Oberösterreich
Link zur Webseite der MB OÖ